Über GTFB

Director’s Cut

 

Da ich seit 16 Jahren in Berlin lebe und arbeite – in einer Stadt, die die Erinnerungen an die großen Wunden Europas in sich trägt und zugleich ein Ort der Begegnung verschiedener Sprachen, Kulturen und politischen Narrativen, spüre ich immer stärker das Bedürfnis nach einem Festival, das der zeitgenössischen griechischsprachigen Dramatik gewidmet ist.

Es geht um ein Theater, das nicht beruhigt, sondern Fragen aufwirft. Ein politisches Theater im weitesten Sinne des Wortes; ein Theater, das hinterfragt, wie wir zusammenleben, welche gesellschaftlichen Konventionen wir akzeptieren, welche Zugeständnisse wir täglich machen, was Verantwortung, Sehnsucht, Macht und Widerstand bedeuten. In einem Europa, das erneut in Richtung Autoritarismus und des Aufstiegs rechtsextremer und faschistischer Ideologien zu blicken scheint, kann das Theater als Spiegel fungieren, aber auch als Ort des kritischen Denkens und der kollektiven Wachsamkeit.

Das zeitgenössische griechische und zypriotische Theater setzt sich ständig mit diesen Themen auseinander. Oft erkennen wir in seinen Stücken dieselbe Tragik, die wir bei den Helden des klassischen Dramas vorfinden: Menschen, die gefangen sind zwischen ihrer persönlichen Wahrheit und den Zwängen der Gesellschaft, zwischen dem Bedürfnis nach Liebe und der Ausübung von Macht, zwischen dem Wunsch nach Freiheit und dem Preis ihrer Entscheidungen. Diese Verwandtschaft ist weder eine Nachahmung noch eine zwingende Anlehnung. Vielmehr verstehen wir die zeitgenössische Dramaturgie als einen eigenständigen künstlerischen Akt, der sich seiner Herkunft bewusst ist und weiterhin einen kreativen Dialog mit der Tradition des klassischen Dramas führt, indem er dessen zeitlose Fragen in die Gegenwart überträgt.

Ausgehend von Berlin und den dort ansässigen griechischsprachigen Künstler*innen und mit dem Ziel, in den kommenden Jahren auch Gruppen und Künstler*innen aus Griechenland und Zypern einzubeziehen, streben wir ein barrierefreies und inklusives Festival an. Ein Festival als Ort der Begegnung zwischen Texten, Künstler*innen und Zuschauer*innen; ein Raum, an dem Geschichten, die in Griechenland und Zypern entstehen, in Berlin nicht als exotische Kulturprodukte, sondern als notwendige Erzählungen gehört werden können, die uns alle betreffen. Denn das Theater bleibt einer der wenigen öffentlichen Räume, in denen wir uns noch in die Augen schauen und uns gemeinsam fragen können, wie wir letztendlich leben wollen.

Elena Sokratous,
Artistic Director

Herbst 2026